Skip to main content
 
Erstellt von T. Gentsch | News

Lacey Baker Interview


Skateboarding, New York und LGBTQI

Interview: T. Gentsch
Photos: Tyler Smolinski

Lacey Baker ist nicht nur eine der progressivsten und bekanntesten Frauen auf dem Skateboard, sondern auch ein sehr einflussreiches und respektiertes Mitglied der LGBTQI Community. Das von Sam McGuire geschossene „Rainbow Push“ Bild genießt nicht nur in der Gemeinschaft einen ikonischen Status, sondern auch im Mikrokosmos des Skateboarding. Da es zugleich auch das Motiv für die "Support Diversity Kampagne" stellt, war es von vornhinein klar, auch ein Interview mit Lacey zu führen. Dies gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht. Seit Lacey 2017 von LA nach New York gezogen ist, offen mit ihrer queeren Lebensweise umgeht, für NIKE skatet und Street League Contests gewinnt hat sie einen sehr vollen Terminkalender. Zudem hatte sie in den letzten zwei Jahren derart viele Interviews, dass eigentlich schon alles über sie und ihr (Skate-)Leben gesagt oder geschrieben wurde. Es war also alles andere als einfach, sich ein interessantes Interview mit „neuen“ Fragen auszudenken. So war ich in den Minuten vor dem Anruf nervös wie selten zuvor und als ich das Telefon in der Hand hielt, bemerkte ich meine zitternde Hand – völlig zu Unrecht, wie sich bald herausstellen sollte.

Hey Lacey, wie geht es dir heute?

Gut, gut, danke. Ich bin gerade nach Hause gekommen…

Klingt gut, du kommst gerade vom Skaten, oder?

Ja, ich bin ein bisschen rumgerollt, aber habe mich dann entschieden nach Hause zu gehen und mein Board umzuschrauben.

Bei dir ist es jetzt 6 Uhr abends, oder? Als wir gestern gemailt haben, meintest du, du müsstest vor dem Interview noch Skateunterricht geben…

Ja!

Ist das ein Skatekurs für Kids aus deiner Nachbarschaft oder wie kann ich mir das vorstellen…?

Nee, ich gebe drei Mädels quasi Privatunterricht. Ich habe deren Mütter vor einer Weile auf einem Photoshooting kennengelernt und so kam die Verbindung zustande. Die Mädels sind alle so um die 13 Jahre alt.

Oh, klingt schön. Haben sie Talent?

Auf jeden Fall, sie sind schon ganz gut und machen immer mehr Fortschritte, lernen ziemlich schnell.

Das ist immer cool, ich denke es gibt kaum etwas Besseres, als zu sehen wie jemand Sachen umsetzten kann, die man erklärt. Du lebst ja jetzt schon eine Weile in New York, was gibt dir diese Stadt, was dir keine andere geben kann? Ich meine, ich habe in vorigen Interviews von dir schon gelesen, dass du es magst, kein Auto haben zu müssen, aus der Haustür zu gehen und direkt in der Stadt zu sein, aber das kann man ja auch in anderen Städten haben…

Ja, du sagst es ja selber schon, einfach aus der Haustür zu gehen und direkt aufs Board steigen zu können, und überall sind Menschen um einen herum. Hier ist alles eng und mit Menschen gefüllt, das mag ich. Ebenso das sich ändernde Wetter, die Jahreszeiten. Ist es sonnig, gibt mir das eine ganz andere Motivation bestimmte Dinge zu erledigen. Im Vergleich zu LA fühlt es sich (das Leben) hier täglich nach einem Abenteuer an, LA ist einfach nur langweilig.

Ich weiß was du meinst. Du erwähnst die Jahreszeiten, nervt es dich nicht, dass es im Winter (in New York) verdammt kalt wird? Wie war es heute eigentlich? 

Heute waren es etwa 15 Grad und es war sonnig, also echt angenehm. Die nächsten 4 Tage soll es allerdings regnen und deshalb wollte ich auch unbedingt heute nochmal skaten gehen. Das Wetter hier kann schon eine Herausforderung sein, vor allem wenn man so wie ich so viel wie möglich skaten will, aber ich reise ja auch viel und komme so auch oft in wärmere Gefilde. Wenns zu hart wird, springe ich einfach in den Flieger und treffe mich mit Freunden in LA zum Skaten.

Man lernt einfach das gute Wetter stärker zu schätzen, oder?

Ja, und vor allem, sobald die Sonne rauskommt, tun es die Menschen auch. Jeder hat gute Laune, man trifft sich im Skatepark… Einfach, dass die Leute alle draußen sind, ist geil.

Ja, ich weiß was du meinst. Ein anderes Statement, was ich von dir mal gelesen habe, war, dass du in New York, wenn du Aufwachst, einfach „alles machen willst“, weil du so inspiriert bist. Was wäre dein erstes ALLES?

Naja, das bezieht sich eher auf Dinge im Allgemeinen, wenn du verstehst was ich meine. Aufwachen, Kaffee trinken, sich etwas zu essen machen, skaten und zur Physio gehen… Ich erhole mich gerade von einer Knieverletzung, also muss ich mich darum kümmern wieder zu 100% fit zu werden. Aber ich mag es auch, einfach herumzulaufen, ziellos, und die Stadt zu entdecken. Aber ja, als erstens einen Coffee-Shop… vielleicht auch nochmal in einem Musikladen nach Platten stöbern…

…den Kaffee schwarz oder mit Milch und Zucker?

Ich trinke ihn schwarz. Aber ja, ich habe viele Hobbies nebenbei, interessiere mich nach wie vor sehr für Grafik-Design, spiele Gitarre, versuche Songs zu schreiben und einfach jeden Tag neu und abwechslungsreich zu gestalten.

Was war die größte Überraschung, die dir New York geboten hat, die du niemals erwartet hättest?

Hmm, ich würde wirklich sagen die Skateboard-Community. Es gibt hier viel queer orientierte und weibliche Skateboarder. Hier gibt es einen viel einfacheren Zugang zur (diversen) Skateboard-Community im Vergleich zu LA. Zudem ist es viel einfacher, einfach seine Umgebung zu erkunden, ohne einen bestimmten Plan zu haben. Einfach in den Zug springen, irgendwo kurz aussteigen, dann wieder weiterfahren… So wird jeder Trip zum Abenteuer, das feiere ich voll.

Zu welchem Skateboarder, egal ob männlich oder weiblich, hast du immer aufgeschaut?

Also, als Frau findet man natürlich Elissa Steamer und Alexis Sablone gut, aber ich mochte auch schon immer ganz besonders Andrew Reynolds und Arto Saari. Das waren so die 4 Skateboarder, die ich als Kid immer bewundert habe.

Aus wem besteht denn deine (tägliche) Skatecrew in New York so?

Ich habe eigentlich keine bestimmte Crew. Ich pushe einfach zum Skatepark und treffe mich da mit anderen, wie zum Beispiel meiner guten Freundin Jessica oder wer auch immer gerade am Start ist… Es passiert hier ziemlich häufig, dass man zufällig Leute trifft, es (zusammen skaten gehen)  bedarf eigentlich keiner großen Planung…

…obwohl es eine so große Stadt ist?

Ja, das passiert ständig (Freunde zufällig treffen). Das liegt aber auch dran, dass viele Skateboarder einfach in denselben Ecken abhängen, da, wo eben die guten Parks sind.

Wenn du auf deine Karriere zurückblickst, was war die beste und was war die schlechteste Entscheidung, die du je getroffen hast?

Die beste Entscheidung war definitiv, meinen Job (als Grafik-Designer) mit 24 Jahren zu kündigen und wieder Vollzeit zu skaten. Die Schlechteste… Hmm, da muss ich nachdenken. WENN es da was in der Vergangenheit gab, war es die Zeit, als mich meine Sponsoren unter Druck setzten, mich femininer anzuziehen, um mich (angeblich) besser vermarkten zu können; das war keine schöne Zeit.

Das kann ich gut nachvollziehen. Wer bestimmt deiner Meinung nach heutzutage die Skateindustrie?

Nun, es ist ziemlich offensichtlich, dass es hauptsächlich die großen Schuh-Firmen sind, die ihre Finger überall drin haben und vielleicht einige der neueren Boardcompanies, die auch noch etwas Einfluss haben. Aber ehrlich gesagt schenke ich dem ganzen Zirkus nicht allzu viel Beachtung, abgesehen von den Firmen, die sich mit dem Thema Queer befassen und das eher nicht-traditionelle Skateboarding repräsentieren. Das ganze Geld kommt aber von den Cooperate-Companies, die entscheiden, wo sie ihr Geld investieren und es für sie Sinn macht.

Ist das gut oder schlecht?

Das ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es gut, aber viele (alte) Core-Brands haben im Vergleich zu früher massive Absatzprobleme. Sie haben vielleicht auch nicht die technischen Möglichkeiten und finanziellen Backround wie Cooperative-Brands, also stehen die Core-Skater, die diese Firmen betreiben, schlechter da. Aber, je mehr eine Sache (wie Skateboarding) vom Mainstream vereinnahmt wird, desto eher passiert sowas eben, nicht nur im Skateboarding. Dennoch wird es immer auch geile neue kleine Firmen geben, im DIY-Style, die Nischen füllen. MEOW Skateboards ist vielleicht ein gutes Beispiel. Oder Unity Skateboards, FA, Hockey, das sind alles Core-Brands, die einen guten Job machen. Frog Skateboards ist ganz neu, die finde ich auch sehr cool. Alle diese Companies kommen von Core-Skatern und wenn Cooperate-Companies hinter deren Teamridern stehen, hilft es diesen Firmen ebenso zu wachsen und mehr für ihre Fahrer tun zu können.

Ja, ich weiß was du meinst. Du hast Unity aus der Bay Area (Oakland) erwähnt, von denen ich zuvor noch nie gehört habe. Was für eine Company ist das?

Das ist eine Boardcompany, die von einem Künstler namens Jeffrey Cheung ins Leben gerufen wurde. Er hat mit dem Bemalen von Boards angefangen und die Werke an alle queeren Personen, von denen er wusste, dass sie gerne Skaten würden, verschenkt. Dadurch hat er in Oakland quasi eine queere Skateszene kreiert und egal ob die Leute schon geskatet sind oder absolute Beginner waren, zusammengebracht – daraus ist dann eine richtige Company mit dem Namen Unity geworden.

Ah, ich verstehe. Lass uns mal über das Thema Queer sprechen. Ich habe mich echt versucht, in das Thema reinzulesen, habe recherchiert, aber bin irgendwie nicht zu einer finalen Erkenntnis gekommen, wofür queer genau steht. Kannst du es mir erklären?

Oh ja. Also früher wurde der Terminus Queer benutzt, um schwule oder lesbische oder transsexuelle Menschen zu beschreiben, allerdings wurde der Begriff vor einigen Jahren einer neuen Definition zugeordnet. Heutzutage versteht man ihn eher als großen Schirm, der alle Arten von sexuellen Orientierungen zusammenfasst, was weit mehr als nur platt schwul oder lesbisch bedeutet. Vielmehr beschreibt es eine Geschlechtsidentität, die nicht der gesellschaftlich gängigen Norm entspricht, wie Menschen sich präsentieren, ihre Sexualität leben… all dies beschreibt das Wort Queer. Kurz gesagt, jegliche Orientierung die man haben und leben kann und auch deren Verbindung.

Was beschreibt Queer eher, sexuelle Orientierung oder ist es eher ein politisches Statement? Oder eine Denkweise, die zu einem Statement wird?

Nichts von alledem, es ist einfach deine eigene Identität. Die Art, wie du dich mit Maskulinität oder Femininität oder einer Kombination aus beidem identifizierst. Oder auch einfach nicht dem allgemeinen Verständnis der Rolle deines Geschlechts zu entsprechen. Es geht also eigentlich nur um dich selbst und nicht irgendwelche Statements oder so.

Ah, jetzt verstehe ich es, danke. Du warst doch auch schon öfters in Europa. Gerade als queere Person, hast du nie darüber nachgedacht, nach Europa zu ziehen?

Ja, absolut, in Europa gibt es so viele schöne Städte!

Was wäre die Stadt deiner Wahl?

Also ich bin echt in Paris verliebt, daher wäre das wahrscheinlich meine erste Wahl. Spanien ist perfekt zum Skaten, daher auch sehr interessant und Berlin ist ganz offensichtlich eine super queere Stadt, was sicher auch gerade für mich sehr interessant wäre. Vor allem war ich auch noch nie dort…

Was? DU warst noch nie in Berlin???

Nein, noch nie!

Oh Lacey, daran muss sich was ändern, du solltest im Sommer mal kommen, geh mir da bloß nicht verloren, hahaha. Nein, aber du wirst Berlin lieben, versprochen. Man muss nur aufpassen nicht über die Stränge zu schlagen, es kann schnell mal passieren, dass man auf einmal feststellt, dass man schon seit 3 Tagen wach ist, hahaha.

Ja, ich habe schon mitbekommen, dass man dort schnell mal die Kontrolle verliert.

Gibt es eine Stadt oder einen Teil in den USA, wo du nie wieder hinwillst?

Fuck, über die Frage habe ich noch nie nachgedacht. Die meisten Teile der USA sind verdammt langweilig, abgesehen von den Städten an der Ost- und Westküste. Aber eine bestimmte Stadt fällt mir jetzt nicht spontan ein und allzu sehr kümmert es mich auch nicht – sowas wie die gesamte Mitte des Landes. Aber Seattle, Portland, LA, New York, dort mag ich es überall. In die sogenannten „Red States“ (Republikaner dominierte Staaten) muss ich definitiv nicht!

Wie wichtig sind dir deine Klamotten oder wie du dich anziehst? Ich habe gelesen, dass du es magst Klamotten aufeinander abzustimmen. Stehst du morgens vorm Spiegel und denkst dir „ahh, dass passt nicht wirklich“ oder schaust in deinen Schrank und denkst dir „ich habe nur Mist zum anziehen“?

Ich versuche meine Klamotten stets konform zu meiner Geschlechtsidentität zu wählen, also so wie ich mich nach außen präsentieren mag, eher maskulin geprägt. Es geht mir vor allem darum, mich wohl zu fühlen und in den Sachen gut auszusehen. Und wenn ich eher Männersachen trage, fühle ich mich auch wohler beim Skaten. Farbliche Abstimmungen sind nur ein witziger Nebeneffekt aber ein zusätzlicher Wohlfühlfaktor.

Was ist also die beste Kombination: Schwarz-Schwarz, Schwarz-Wieß oder Weiß-Weiß?

Oft trage ich komplett schwarz oder weiß aber in letzter Zeit hau ich auch mal ein wenig Farbe dazwischen. Dennoch versuche ich es einfarbig zu halten, streue vielleicht mal einen roten Beanie ein, aber das war es dann auch schon.

Also wird man dich nicht in Lila Hosen mit Neongrünem Shirt antreffen?

Niemals!

Vielleicht wenn du in Berlin bist…?

Nunja, nach drei Tagen wach sein kann so manches passieren, hahaha…!

Wir treffen uns den Sommer da. Langsam komme ich zum Ende, aber hätte noch ein paar „Entweder/Oder“ Fragen für dich parat:

-Stift und Papier oder I-Pad oder Phone?

Beides, aber ich ziehe Stuft und Papier vor

-Nollie oder Switch?

Hahaha, so switch wie es nur geht

-Kickflip oder Heelflip?

Kickflip

-Rolling Stone oder VICE?

Kann ich nicht wirklich sagen, ich habe von beiden keine Ausgaben zu Hause rumliegen

-Ledges oder Flatrails?

Ledges, auf jeden Fall

-In & Out oder Carls Jr.?

In & Out

-Seattle oder Miami?

Ich war nie in Miami, daher kann ich es nicht sagen?

-Katze oder Hund?

Beides

-Rowley oder Reynolds?

Reynolds, sorry Geoff

OK Lacey, ich denke das wars. Vielen Dank für deine Zeit und das Interview, das war echt sehr interessant!

Ja, danke auch dir! Bis bald!