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Erstellt von T. Gentsch | Feature

Was macht eigentlich...? | Ralf Middendorf


Der erste Europäer mit einem McTwist im Repertoire

Du denkst du bist Punkrock Skater, nur weil du schonmal mit deinen Kumpels auf einem Skatetrip warst, ihr ein paar Paletten Bier dabei hattest, und Skaten und Saufen das Einzige war, was ihr den ganzen Tag gemacht habt? Ihr habt auf einem Campingplatz übernachtet, seid dann aber so laut gewesen, dass ihr des Platzes verwiesen wurdet? Zwischendurch gab es noch ein Rock Festival, dass ihr ebenfalls besucht habt und wo dein Kollege ins Zelt gekotzt hat? Wild, ganz schön wild!
Ralf Middendorf würde über solche Anekdoten nur, nein, wahrscheinlich nicht mal, milde lächeln. „Ralle“, wie er schon seit Mitte der Achtziger nahezu ausschließlich genannt wird, erlebte das Leben eines Pro-Skaters in Deutschland zur Zeit des ersten großen Skateboard-Booms. Ab 1988 hatte gefühlt jeder Jugendliche in Deutschland ein Skateboard und Ralle ein Pro-Model auf Titus, was von Beginn an heißbegehrt war. Nachdem er dann im selben Jahr als erster Europäer einen McTwist gestanden hatte, schnellten die Boardverkäufe noch weiter in den Himmel und Ralle war – ein Star!

Mit dem Sterben der Vert-Szene Anfang der Neunziger zog sich Ralle mehr und mehr aus dem aktiven Geschehen zurück, ist aber seit dieser Zeit nicht weniger „Rockstar“ geworden. Sei es auf Festivals, Contests oder wenn es darum geht, im nächsten Sommer die Euro SB zu organisieren, Ralle ist am Start und zieht hinter der Kulissen die Strippen – selbstverständlich stets mit „AAA Ausweis“ am Badgeholder um den Hals.   

Von wann bis wann warst du Pro auf Titus?

Von 1987 bis heute quasi, schließlich ist im Sommer mein neues Re-Issue Decks auf den Markt gekommen! ;-)

Was war das verrückteste/wildeste/prägendste Erlebnis in deiner Zeit als Titus Pro?

Da gab es Einige. Am Ende des Tages waren es so viele, dass ich ja bereits vor einiger Zeit meine Autobiografie „Paid Vacation“ herausbringen durfte und darüber schreiben konnte. Der Ritterschlag war auf alle Fälle, als Christian Hosoi nach meinem Run beim Monster Mastership 1988 zu mir kam und mir mit den Worten „Great Run Man“ gratulierte. Geil war auf alle Fälle mit den ganzen „Helden meiner Jugend“ dann ab Mitte der 80ziger zusammen auf den ganzen Events abzuhängen. Mit Tony (Hawk) war ich sogar mal ne‘ halbe Woche im ZDF Fernsehgarten unterwegs. Die ganzen TV Auftritte waren aber definitv auch prägend, zumal das Ganze in den 80zigern und 90zigern noch eine völlig andere Qualität hatte. Wenn du früher Samstagabends im Aktuellen Sportstudio aufgetreten bist, war es Standard, dass du am nächsten Morgen auf der Straße darauf angesprochen wurdest. Das lag natürlich auch ein Stück weit daran, dass es damals eben nur 3 Programme gab.  

Auf welche Weise hat sich dein Pro-Dasein auf dein weiteres Leben ausgewirkt, was hat es dich gelehrt?

Gelehrt hat es mich im Nachhinein wie wichtig es ist sich  immer korrekt seinen Mitmenschen gegenüber zu Verhalten.

Du glaubst gar nicht wieviele Menschen von früher mir heute immer wieder über den Weg laufen. EinMC Fitti  (von dem ich bis dahin nie gehört hatte) z.B. sprach mich vor ein paar Jahren auf der Bright Show in Berlin an, er hätte mich in den 90zigern schon mal bei einer Halfpipeshow in Gifhorn gesehen und ich wäre ihm positiv in Erinnerung geblieben.

Der Gitarrist der Donots war scheinbar früher im Münster in unserer Skatehalle und ist dort mit mir und den anderen Jungs zusammen geskatet. Als Kind hatte er sogar ein Poster von mir über seinem Bett hängen! Ich hatte auch keine Ahnung, dass Gentleman im richtigen Leben Tilmann Otto heißt, früher sogar COS Cups mitgefahren ist und (genau wie ich) von Vision Streetwear gesponsort worden ist. Das hat er mir dann bei einem Event in Hamburg erzählt, als ich ein Interview mit ihm machen wollte. Ein paar Monate später habe ich ihm dann eine Ausgabe des Monster Magazins aus den 90zigern (hatte ich in unserem Archiv gefunden) geschenkt. Er hatte eine Sequenz im Innenteil, ich eine Full Page Ad auf dem Backcover ;-)

Welche Stationen hatte dein Leben nach dem Pro-Status?
- Teammanager Titus Team
- Vertriebsleiter ASAP GmbH (Skateboard Vertrieb)
- Geschäftsführer SMO Agentur (Eventagentur die unter anderem den Münster Monster Mastership organisiert hat)
- Geschäftsführender Gesellschafter NICE Production (Eventagentur welche unter anderem die Telekom Extrem Playgrounds organisiert hat)

Ralles Biographie der etwas anderen Art - interessante Einblicke garantiert!

Was vermisst du am meisten an Pro-Dasein, was am wenigsten?
Da sich mein Leben auch heute noch 24/7 um Skateboarding dreht, vermisse ich eigentlich gar nichts. Ich hänge immer noch auf den ganzen Events ab und habe dank „Ralle zapft“ einen guten Kontakt zur Szene. Froh bin ich ehrlich gesagt darüber, nicht mehr 3 mal pro Jahr in die USA fliegen zu müssen. Ich bin in diesem Jahr 50 geworden, und je älter ich wurde, umso mehr setze mir der Jet-Leg zu.

Was machst du heutzutage?
Aktuell bin ich Geschäftsführer der TDI Event & Consulting, einer Beraterfirma, die unter anderem der COS Cup vermarktet und die ganze Titus Skateboard-Hardware (Decks, Achsen, Rollen, etc.) entwickelt. 

Würdest du „das“ (heutzutage) auch machen, wenn du kein Titus Pro gewesen wärst?
Wahrscheinlich eher nicht.

Fährst du immer noch Skateboard und wenn wie oft?
Kaum. Liegt aber auch daran, dass mir einfach die Motivation abhanden gekommen ist. Früher war die Erwartungshaltung, wenn ich an irgendeinen Spot kam, seitens der Locals extrem hoch. Später ist mir bewusst geworden, dass ich wohl nie wieder das Niveau erreichen würde, welches ich früher mal hatte. Von daher konzentriere ich mich seit dem Jahre 2000 mehr auf das Thema Moto X, auch wenn ich da nicht wirklich schnell unterwegs bin.

Ralles 50th Birthday | Summer 2018